Die Stunde der Propheten

RichterJPVor Monaten gab es in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT einen Artikel „Die Stunde der Propheten“, in dem sich Martin Spiewak über die Popstars der Schulkritik, Richard David Precht, Gerald Hüther und Jesper Juul mokierte. Keine ihrer pädagogischen Ideen seien neu, doch von dieser Dreifaltigkeit kämen unheilvolle Botschaften und gewagte Diagnosen. Mit ihrer Umtriebigkeit und gegenseitiger Bestätigung umkurve das Trio lässig das pädagogische Klein-Klein, schreibt Spiewak.

Im 18. Jahrhundert, wage ich zu behaupten, wären diese Chimärenerfinder in „Frazzen“ mit ihrer ungebremsten Redseligkeit enttarnt worden. „Frazzen“ hieß das periodische Journal, gedruckt im Frankenstädtchen Hof, in dem „das devote Hüteziehen vor Höhergestellten, die Modesucht der Kaufmannsgattinnen und der elende Zustand der Bibliotheken“ wahrheitsgetreu von Johann Paul Friedrich Richter aufgespießt wurde.

Es war jener Jean Paul, am 16. März 1763 in Joditz geboren, der mit seinem „Hesperus“ (1795) neben Goethes „Werther“ gestellt wurde; ein scharfzüngiger, schlagfertiger Satiriker, der mit ätzender Ironie, seinem schriftgewandten Vorbild Jonathan Swift nacheifernd, vordrängelnden Meinungsbildenden und Aufschneidern tönerne Hohlphrasen und substanzloses Palavern mit vier Worten nachwies: Niemand liest, alle reden. „Alle reden“, das trifft sowohl auf die drei Herolde der Schulpädagogik und aktuell auf die Wortmelder zur neuesten PISA-Studie zu.

Vor Wochen wurden in o.g. Zeitschrift den Direktoren des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungsbereich, die an einem Pool für Abitur-Prüfungsaufgaben arbeiten, so „scharfkantige“ Fragen gestellt wie: „Weit mehr als zehn Jahren nach dem ersten PISA-Vergleich stochern Politik und Wissenschaft also noch im Nebel?“ – und „Bringt Fortbildung etwas?“

Und Petra Stanat und Hans Anand Pant vom IQB antworten auf Frage 1, dass man das leider so sagen muss ,und auf Frage 2: „Fortbildung bringt zu wenig in der Form, in der sie in Deutschland weitgehend organisiert ist, ohne systematische Bedarfsanalyse, isoliert und teilweise von der Unterrichtsrealität entfernt.“

Nach diesen durchgekauten Banalitäten wird die anstehende Forschungsaufgabe umschrieben: „Solange wir nicht anfangen, den Unterricht in den Fokus zu nehmen und ihn systematisch weiterzuentwickeln wird sich auch der Lernerfolg der Schüler nicht verbessern.“

Rums, bums – das ist ja mal was ganz Neues. Ist die Hattie-Studie schon wieder vergessen? Waren den beiden die wunderbaren Ergebnisse der in diesen Tagen bejubelten PISA-Studie noch nicht bewusst? Bundesbildungsministerin Dr. Wanka zeigt im ZDF mit theatralischer Handbewegung, wie nah man den ostasiatischen Tigerstaaten gerückt ist – zwar im Lesen noch nicht ganz, aber Mathematik: Sechster!

Am gleichen Tag hat der Deutsche Philologenverband in die Jubelorgien hinein zu sagen getraut, dass dem stupiden PISA-Drill dringend eine Debatte zur allgemeinen Bildung voraus hätte gehen müssen und dass die ganze Test-Huberei zugunsten wirtschaftlicher Interessen an funktionierenden Arbeitnehmern diene.

Die Meldungen der Presse in den letzten Wochen scheinen im PISA-Triumphgeheule untergegangen zu sein:

  • Sprachliche Defizite und psychische Störungen nehmen im frühen Kindesalter zu
  • Deutsche Schüler nur Mittelmaß in Lesen und Schreiben
  • Machen PISA und Co. Sinn?
  • 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland Analphabeten
  • Erwachsene können im internationalen Vergleich nur mittelmäßig lesen und Texte verstehen
  • Sprachförderprogramme sind in Frage zu stellen
  • usw.

Und was ist mit „Niemand liest“?

Das Heer OECD – Testausdenker wird auch weiterhin, zur Arbeitsplatzsicherung, eine Leselust, wie sie Sven Birkerts in den Gutenberg-Elegien beschreibt, und eine Lernbegierde, wie sie Jean Paul in seinen Kinderseminarien entwickelte, ohne den ihm Anvertrauten „Fesseln der Grammatik und Regelwerke“ anzulegen, unbeachtet lassen. Die wahren Leser werden im Koma liegen bleiben.

Oberflächliche Funktionserfolge werden in 3 Jahren wieder von sich selbst bestätigenden Bildungspolitikern beklatscht werden.

Persönlichkeitsbildung? Lassen wir doch diesen Quatsch!

Wir haben doch den bundesweiten Vorlesetag und den Vorlesewettbewerb des Dt. Börsenvereins, in dem diejenigen, die sowieso viel lesen, in Ausscheidungswettbewerben bis zum Olymp durchgelobt werden.

Und dann gibt’s auch noch den Lesedino-Wettbewerb des Saarlandes, den mit dem Stofftier.

Gute Nacht.

Hooks Ghost
Hook’s Ghost schickt uns häufig Artikel zu. Captain Hook ist bekannt als exzentrischer Chef einer Piratenbande, der besonders durch seine Kleidung sowie sein ausschweifendes Verhalten auffällt. Leider verlor der Arme bei einer sehr schmerzhaften Begegnung mit einem Krokodil seine Hand. Damals hatte er noch Glück… An jenem Tag des starken Sturms sank leider sein Schiff und dieses Mal war es den Krokodilen nicht verwehrt, ihn ganz aufzufressen. Natürlich wollte Hook nicht in Frieden ruhen. Daher fing sein Geist an zwischen den Welten der Lebenden und der Toten umher zu irren. Seither greift er als Literat und Mäzen der Schriftsteller immer wieder zur Feder, um seine Wanderungen zu schildern.