Mit Versen in die Welt

Die Gedankenlosigkeit offizieller Institutionen[1], das belanglose Geraune in sogen. wissenschaftlichen Veröffentlichungen[2] zum Lesen allgemein und im Besonderen zur Leseförderung bei Kinder und Jugendlichen sind zum Abspülen. Die auf Quantifizierung ausgelegten, kraft- und phantasielosen Unternehmungen von PISA tragen ebenfalls nicht zu einer tiefergehenden Einstellung zum Lesen bei, geschweige denn zur Literatur[3].

Mit den schlappen PISA-Textlein werden den Triebkräften zum Lesen: Vergnügen und Neugier auf Welterklärung, Gewinn von Unabhängigkeit, Identifikation, Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen, jegliche Dynamik genommen.

Liebschaften, verfolgte Frauen, unterlegene Jungs, verborgene Lusthäuschen, Herzensqualen, Nachtigallen im Gehölz, Tränen, Küsse in der Kabine, Liebe zu diesem und jenen, Suche nach dem Sinn des Lebens …; kein einziger PISA-Text enthält auch nur ein Pfefferkörnchen von diesen – ja was – Erregungen, Provokationen, Verstörungen, Gelüsten, Aufmerksamkeiten, Daseinsfragen im Lesen, um zu leben? Alles, was unter dem Schirm von PISA in Sachen ,Lesekompetenz‘ (was für ein inkompetentes Wort) zusammengehämmert wabert, verhindert Hinwendung zum Lesen, radiert Emotionen, Entrüstung, Begeisterung, lasterhaftes Vergnügen, Rückbeugung des Geistes auf sich selbst. Kreuze an! Setze ein!

Nun ist der aktuellen Vorlesestudie der „Stiftung Lesen“, der Wochenzeitschrift DIE ZEIT und der Deutsche Bahn Stiftung zu entnehmen, dass jedem dritten Kind keine Gute-Nacht-Geschichte zu Gehör gebracht wird. Und nach einer Forsa-Umfrage einer großen Krankenkasse ist die Medienausstattung von Kindern im Saarland, Rheinland-Pfalz und Hessen beeindruckend. Der Prozentsatz der Kinder unter 15 Jahren, die Sprachtherapie brauchen, ebenfalls. Wer nicht liest, den wird das Leben bestrafen, das wusste schon der olle Michel de Montaigne. Ach ja, das ist lange her, werden manche gegenwartsbewusst abwinken und sich nicht einmal über den schamlosen Werbespot von Cortal Consors empören, in dem ein hilfsbereiter Bibliothekar einem Informationssucher ein Buch in die Hand drückt mit den Worten „Wir haben wirklich aussagekräftige Finanzliteratur.“, und dieser, ganz dem digitalen Unternehmen verpflichtet, das Buch geräuschvoll auf- und zuklappt und mit dem Spruch „Sagt mir gar nix, oder hören Sie was?“ dem Konsternierten (mit Brille und gemustertem Westchen!) zurückgibt. Die Botschaft, die suggeriert wird: Aus Büchern, klapp klapp, wirst du nichts Wesentliches erfahren, ist an Chuzpe nicht zu überbieten.

Und wie sieht es mit der Hinwendung zu Reimen, Versen und Gedichten aus? Diese Aufmerksamkeit, diese Konzentration, diese eben nicht zu prüfenden Sprachstücke sind die absolut notwendigen Fundamente von Sprache. Verse haben etwas Bezwingendes, ohne Zwang auszuüben, haben etwas Spielerisches, in dem die Ernsthaftigkeit auf leisen Sohlen mitläuft, haben alle Komponenten, aus denen Sprache gebaut ist: Artikel, Nomen, Pronomen …, Konjugiertes, Dekliniertes, Komparative, Superlative, Fragesätze, Ausrufe … Gedichte quälen kein Kind mit Konjugationen und Satzgliedbestimmungen.

Nicht wenige Erwachsene, die ihre Kindheit hinter sich gelassen haben, sind der Ansicht, dass Kinderverse, Reime und Gedichte überflüssige Spielereien sind. Wer so denkt, hat nicht nur wenig, sondern keine Ahnung von kindlicher Sprachentwicklung. Es gilt frühzeitig, sehr früh, auf dem Wickeltisch, Kinder eine Sprache genießen zu lassen, die Körperbewusstsein mit dem Wohlklang und dem mitnehmenden Rhythmus von Sprache verbindet.

Reime und Gedichte sind die ersten und einzigen poetischen Formen, deren Nutzen auf der Hand liegt. Für kleine Kinder ist noch alles unentdeckt: das Gesicht, die Finger, der Körper, die Tiere, Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Wasser, Feuer, Sand, das Wetter, die Jahreszeiten. Reime katapultieren Worte dorthin, wo sie sonst nie landen könnten und helfen damit auf ungelöste Weise dem Kind, sich in der Welt sprachlich einzurichten. Essen, Einschlafen, Fragen, Gehen, Zählen, Schaukeln sind Tätigkeiten, die im Reim auf eine kunstvolle Weise zur Sprache finden. Verse sind überdies unwiderstehliche und treue Wegbegleiter, mit denen Kinder in einen bezaubernden Kontakt mit Literatur kommen.

Mit Bewegungen des ganzen Körpers prägt sich das Gesprochene ein, Rhythmus und Wohlklang lassen Distanz, ja Angst vor einer anderen Sprache gar nicht zu. Und so nähern sich die Kinder auf Samtpfoten der literarischen Welt, einer Welt, in der viel mehr zu lernen ist als im Alltäglichen. Kinder suchen nicht unbedingt nach Gedichten. Sie finden sie zufällig, wenn andere sie ihnen nahebringen. Es sind Rhythmen, die Kinder faszinieren. Schon Plato war der Überzeugung, dass nichts tiefer in die menschliche Seele eindringt als Rhythmen und die dann auch noch „gutes Benehmen“ zur Folge hätten, sagt der alte Grieche.

In einer Zeit der technologischen Aufrüstung, in der oftmals Sprache in Fetzen, in brachialer Dümmlichkeit und ungebremsten Anzüglichkeiten in Kinderköpfe hineingekippt wird, gelingt es durch Verse Waffenruhe in den vom alltäglichen Getöse umrauschten kindlichen Seelen herzustellen.

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Zu den bekannten Kindergedichtsammlungen, die seit 2011 die Internationale Jugendbibliothek München mit steigendem Erfolg in den „ Arche“ Kalendern herausgibt und die in klug konzipierten Ausstellungen in mehreren Ländern Europas zu sehen waren, wurde 2013 an der Universität Luxembourg eine Initiative auf den Weg gebracht, mit der den fundamentalen Notwendigkeiten bei der Entwicklung von Kindersprache und der sich verbreiternden Multilingualität Rechnung getragen werden soll.

  1. Vor dem Sprechen ist Denken, d.h. Kinder erwerben Wissen mithilfe ihrer Wahrnehmungs- und Denkfähigkeiten, auf dem die vom engsten Umfeld mitgeteilte Sprache aufsitzt. Diese Sprache gilt es aufzunehmen, zu fördern und zu pflegen. Sie gibt den Kindern Halt in der Welt und zu den Menschen.
  2. Für die Institutionen der Bildung bedeutet dies, die Wahrnehmungen und das Tun der Kinder in den Mittelpunkt ihrer Aneignung von Welt zu stellen und dabei Sprache einfließen zu lassen, spontan, sachangemessen, authentisch.
  3. In der Wahrnehmung und im Tun mit z. B. Kastanien, Blättern, Äpfeln, Federn, Schmetterlingen, Katzen, Kuchen, Kleidern, Pflaster, Feuer, Spielzeugen, verletzten Kuscheltieren u.v.a.m. wird ein Vorwissen erworben, das für jede Sprache entscheidend ist.
  4. In Bildern gilt es die Erfahrungen aufzubewahren und damit einer erneuten, verweilenden und wiederholten Betrachtung zur Verfügung zu stellen.
  5. Zu den Bildern/Postern, denen Handlungen mit den wirklichen Dingen vorweggegangen sind, gesellt sich nun eine Sprache hinzu, die als eine der Bildungssprachen der Institutionen definiert ist.
  6. Die „poetische Sprache“, die Kindern vorgesprochen wird, die Kinder nachsprechen, ist durch Rhythmus und Reim prädestiniert zum Behalten. Auf krampfhaftes Einüben von irgendwelchen Satzmustern kann deshalb verzichtet werden.

Jean Paul, neben Goethe, Schiller und Kleist einer der großen Vier der deutschen Sprache, legte vor über 200 Jahren allen ans Herz, dass der entscheidende, entwicklungs-psychologische Einfluss in der Erziehung mit Sprache liegt. Die vollmundigen Beteuerungen, besonders aus den Reihen der Bildungspolitik, zur absoluten Wichtigkeit der frühkindlichen Bildung und literarischen Früherziehung genügen nicht. Es müssen mit den Verantwortlichen, die es täglich mit Kindern zu tun haben, praktikable Lösungen gefunden werden.

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Unmerklich, zwanglos, angstlos sickert durch Reime, Verse und Gedichte auf informelle Weise die hochkomplizierte Grammatik einer Sprache in die Köpfe der Kinder ein, z. B. auch die der deutschen Sprache, von der Mark Twain sagt, sie wäre von einem Irren erfunden worden.

Der kühle und schneidende Literaturkritiker Vladimir Nabokov legt allen ans Herz, dass gegen eine spröde, ausgetrocknete Welt nur zu gewinnen ist mit der Freiheit der Verse.

 

[1] Zum Welttoilettentag gibt „Stiftung Lesen“ einen formidablen Rat, um Lesen in den Fokus zu rücken. Auf dem Lokus sollte genügend Lesestoff bereit liegen, damit Sitzungen genutzt werden können. Der Gleichklang von Notdurft und Lesen soll die durchschlagende Synergie am stillen Ort erbringen.

[2] In einem winzigen Zwei-Spalten Artikel in der Zeitschrift „Kultur bildet“ mit der Überschrift „Eine Frage des Kanons“ heißt es: „Eine Leseförderung ohne Text ist wie Schwimmenlernen ohne Wasser. Doch allein auf Texte zu setzen reicht nicht. Denn dass Kinder und Jugendliche sich selbstständig Texte aussuchen und an ihnen wachsen, das ist ein Fernziel, bei dem das Textangebot erst spät dazu einlädt, aus eigenen Kräften seine Lesekompetenz zu steigern. Was die Angelegenheit noch verkompliziert: Auch die Leser- bzw. Textseite genügen für sich nicht. Wir wissen nämlich aus der Lesesozialisationsforschung, jenem Forschungszweig, der sich damit beschäftigt, wie aus Heranwachsenden bis ins hohe Alter Leser bzw. Nicht-Leser werden, dass eine Menge sozialer Einflüsse und Wechselwirkungen das Geschehen dynamisiert.“ Inhaltslose aneinandergereihte Satzfetzlein aus anderen Veröffentlichungen, in die Länge gezogene Drechseleien.

[3] Nach einem Textlein zu Braunbären, unterhalb der Armutsgrenze, aber innerhalb der PISA Lesekompetenz-Überprüfungsbatterien, werden Fragen gestellt wie z. B. Wie verhält man sich richtig, wenn man einem Bären begegnet? Das dürfte für einen 10-jährigen Luxemburger lebenswichtig sein – oder etwa nicht? Er bekommt auch gleich vier Antworten vorformuliert, denn es könnte ja sein, dass sich der Einheimische kopfschüttelnd vom Grizzly abwendet. Von den schriftlich angebotenen Reaktionen: „… ruhig bleiben und mit ihm reden, … ihn erschrecken und wegrennen, … ihn anfassen und mit ihm reden, … ruhig bleiben und ihn füttern“, ist dann die lebenserhaltende Verhaltensweise anzukreuzen, wie im richtigen Roman – oder etwa nicht?

 

Hooks Ghost
Hook’s Ghost schickt uns häufig Artikel zu. Captain Hook ist bekannt als exzentrischer Chef einer Piratenbande, der besonders durch seine Kleidung sowie sein ausschweifendes Verhalten auffällt. Leider verlor der Arme bei einer sehr schmerzhaften Begegnung mit einem Krokodil seine Hand. Damals hatte er noch Glück… An jenem Tag des starken Sturms sank leider sein Schiff und dieses Mal war es den Krokodilen nicht verwehrt, ihn ganz aufzufressen. Natürlich wollte Hook nicht in Frieden ruhen. Daher fing sein Geist an zwischen den Welten der Lebenden und der Toten umher zu irren. Seither greift er als Literat und Mäzen der Schriftsteller immer wieder zur Feder, um seine Wanderungen zu schildern.