Hook’s Ghost

Teacher and student on a lesson.In einer Zeitungskolumne wird spitz gefragt, ob ein 22jähriger Banker mit Geradeausbiografie ein Rentnerehepaar beraten, ob eine 23jährige Unternehmensberaterin einen Berufsanfänger begutachten oder ob eine junge Lehrerin, die es im Studium mit Lehrenden zu tun hatte, die Lernen mit Kindern aus Lehrertechnikenbüchern vermitteln, nun das hochsensible, beziehungsreiche  Zusammenspiel und das lernentscheidende, didaktisch-methodische Handwerkszeug ineinander fügen kann?

Sogar Studienanfänger merken sehr schnell, wenn Lehrende aus einer Hülse sprechen, keine Sekunde mit Kindern konfrontiert waren, kein Buch irgendwelchen Kindern vorgelesen hatten und nun über `die gegenwärtige Situation der Lesekultur als Teil der Medienkultur` faseln und das gesamte Merchandising-Gebimmel von Kaffeetasse, Mäppchen, Rucksack, Zahnbürste und Handtuch und Mütze und Schlüsselanhänger und Ball und…, die alle mit dem Titel eines Buches bestückt sind, dass all diese Geldbringer zur LESEMOTIVATION beitragen würden (so livehaftig auf einem Kongress zur Lesesozialisation gehört).

Auch wird von solchen Nicht-Praktikanten `offener Unterricht` reklamiert, in dem Computer, Interactive Books, Bücher auf CD-Rom und – natürlich, natürlich – `Lektüredokumentationen` anzulegen  seien. Nur wie diese Ansprüche in der Mikro-Kommunikation des täglichen Lernens mit Kindern der heutigen Zeit zu realisieren seien – Schweigen.

Nochmal: Die Ausgeschlafenen und Wissbegierigen unter den Studierenden erkennen, wenn vor ihnen Personen stehen und von Abläufen und Beziehungen in der Schulwirklichkeit sprechen, in die sie selbst nie involviert war. Der Mangel an Authentizität lässt die pädagogische Vorfreude  welken.

Aber es sind nicht nur die unbedarften Praxisvermeider, die die Ausbildung versoften, es sind auch die, die von der Forscherplattform herunter schauen in die Wirklichkeit `da draußen im Lande`, die sich in einschlägigen Fachzeitschriften unter geringfügig geänderten Überschriften vervielfachen und in interdisziplinären Workshops Lorbeerkränze  zuwerfen.

Im Zweijahresrhythmus können `neue` Forschungsaufgaben bewundert werden, die schon vor vier und sechs und acht Jahren angekündigt  worden waren. Nur für die Grasnarbe der Unterrichtswirklichkeit ist bisher nichts rumgekommen. Das Elend der sogenannten Empiriker: Man glaubt die Fakten zu kennen, weiß aber noch lange nicht, was sie bedeuten. Auch in diesem Jahr das gleiche Forschungsdesign und im nächsten Jahr die gleichen Ergebnisse und wieder haben`s die Leute in der Praxis immer noch nicht begriffen, dass soviel zu ändern wäre. Also das Ganze wieder von vorne. Und so wird  wieder die Phase in einem gleichlautenden Zeitungsartikel wie vor zwei Jahren begonnen. Eine Farce. Zuviel diskursive Diskussionen ohne Ertrag für die Alltäglichkeit, monierte vor wenigen Wochen Jean- Claude Juncker in einer Tageszeitung

Im Personalbestand des Bildungsbereichs tummeln sich Spezialisten, die seit Jahren keine Kontakte mit Kindern der heutigen Zeit hatten, die jedoch den täglich Praktizierenden Blatt für Blatt nahelegen, was zu tun sei.

In der Folge von PISA haben sich darüber hinaus für technokratische Didaktisierer ertragreiche Möglichkeiten ergeben. Mit verführerischen Arbeitsblättern, die in rapider Folge für die einzelnen Schuljahre erstellt wurden (kopierbar, blitzschnell überprüfbar, banal, im ritualisierten Verfahren …) ,wird  z. B. der Bildungsprozess des Lesens als empathische Identifikation unterlaufen, wird Lesen als Sinnkonstruktion, als eine Art der Auseinandersetzung mit Wünschen und Konflikten zerbröselt und das Wechselspiel zwischen Textverstehen und Selbstreflexion erwürgt. Persönlichkeitsbildung? Was hat die denn hier zu suchen?

Das grobe Instrumentarium der Fragen und Auswahlantworten suggeriert `Richtig` oder `Falsch`, das Rätselhafte wird zu einer Antwort zusammengeklumpt; der sokratische Dialog, den es zwischen Kindern als Selbstverständlichkeit des gemeinsamen Erkenntnisgewinns zu etablieren gilt, fällt den schnellen Reaktionen zum Opfer. Tiefes Lesen braucht Zeit und vielschichtige, bedeutsame Texte. Mit den nur einen Atemzug dauernden, faden  Textkompetenzerfassungstextchen beginnt keine Lesebiografie.

Die eiskalten PISA-Verwerter, die im zugefächelten Weihrauch den Praktikern `draußen im Lande` vorgeben, unter die Arme greifen zu wollen, sind in Wahrheit gefährliche Entmündiger, Aufbereiter der Unselbstständigkeit, die Faulheit Vorschub leisten,  Ideen das Licht ausknipsen, Gespräche mit Kindern austrocknen und Lehrpersonen auf engen Bahnen am Nasenring zu sich herziehen.

Die Hattie-Studie legt allen am Bildungsprozess mit Kindern Beteiligten hohe Verantwortung und Verpflichtung nahe, vor allem den Lehrenden in der Ausbildung. Und wenn das Resümee aus allen Analysen lautet `Verfeinerung von Bewährtem`, dann seien alle Forschenden erinnert  an Ausführungen  von Aebli, Roth, Klafki, Bruner, Oerter, Montada, Weinert, Rumpf und noch ein paar Vergessenen mehr; an Bosch, Oksaar, Kainz, Neuland, Neisser, u.a.m., die Grundlegendes schon gedacht und veröffentlicht haben. Auf gründlich recherchiertem, tradiertem Wissen gilt es in Forscherbescheidenheit aufzubauen, das wirklich Neue in aller Kürze mitzuteilen, denn  fünfundneunzig Prozent von dem, was man zu sagen hat, verdanken Autoren der Erfahrung anderer. Aufgeblähter Personaleinsatz könnte vermieden, viel Geld gespart und manches Legosteinchen für Kitas gekauft werden.